Seit 2018 vergibt die FONDATION SUISA mit «Get Going!» Werkbeiträge an Musikschaffende, die an einem künstlerischen Wendepunkt stehen und Zeit, Freiheit und Risiko für ihren nächsten Schritt brauchen. Das Programm unterstützt jährlich Projekte mit je 25’000 Franken, bei denen nicht ein fertiges Produkt im Zentrum steht, sondern der Prozess: Recherche, Entwicklung, Neuorientierung. 2025 zeichnete die Jury acht Vorhaben aus, die mit Mut, künstlerischer Eigenständigkeit und gesellschaftlicher Relevanz auffallen.
Herzliche Gratulation an die acht Empfänger*innen!
RAPHAEL LOHER & PHILIPP SCHLOTTER | Well Tuned Pianos


Die Pianisten und Komponisten Raphael Loher und Philipp Schlotter sind seit Jahren als vielseitige Musiker in der Schweizer Szene unterwegs – zwischen experimenteller Elektronik, Ambient, Improvisation und Bandprojekten.
Mit «Well Tuned Pianos» nehmen sie etwas scheinbar Selbstverständliches auseinander: die Stimmung des Klaviers. Statt bei der üblichen westlichen Stimmung zu bleiben, tauchen sie in andere Tonsysteme ein, wie man sie etwa aus der Gamelan-Musik kennt, wo Instrumente bewusst gegeneinander verstimmt werden und so ein vibrierender, schimmernder Klang entsteht. Mit zwei transportablen Klavieren, die pro Ton nur eine Saite besitzen, erforschen sie verschiedene Stimmungen. Zusätzlich zu den Stimmungen wird das Obertonspektrum mit Präparation angereichert. Durch Improvisieren und Experimentieren wollen sie eigene Stimmungen kreieren und diese in eine neue, gemeinsame Spielpraxis und musikalische Sprache transformieren.
Die Jury lobte den experimentellen Ansatz aus der zeitgenössischen Musik im neuen Kontext sowie den Mut, eine bestehende Duo-Arbeit radikal zu vertiefen, statt nur ein weiteres Album zu planen.
raphaelloher.com
instagram.com/philippbenjaminschlotter
COCO SCHWARZ | Echoes of Extinction

Coco Schwarz ist Klangkünstler*in und Musiker*in mit Wurzeln in der internationalen Klassik und einem heutigem Schwerpunkt auf elektroakustischer, experimenteller und ambienter Musik.
Mit «Echoes of Extinction» rückt Schwarz Tierarten in den Fokus, die in der Schweiz kurz vor dem Verschwinden stehen – oft unbemerkt, aber akustisch allgegenwärtig. In Biosphären und Archiven werden Geräusche gesammelt, mit Biolog*innen und Ökolog*innen gearbeitet und das Material elektroakustisch transformiert, sodass Quaken, Rascheln und Rufe bedrohter Tiere in dichte Klanglandschaften überführt werden. Ziel ist kein naturgetreues Audio-Archiv, sondern ein sinnlicher, politischer Raum, in dem Verlust und Transformation hörbar werden. Schwarz versteht Klang dabei als Medium ökologischer Erinnerung und als aktives künstlerisches Handeln.
Die Jury sprach von einem Gesamtkunstwerk aus mehreren Disziplinen und hob hervor, wie konsequent Field Recordings, Öko-Klangforschung und Elektronik mit einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema verbunden werden – als vertiefende Weiterführung eines bereits wichtigen Arbeitsschwerpunktes.
SIMONE AUBERT | Projets 26/27

Simone Aubert ist Gitarristin, Schlagzeugerin, Sängerin, Komponistin und multidisziplinäre Künstlerin und bewegt sich seit über zwanzig Jahren in einer «unklassifizierbaren» Musiklandschaft zwischen Pop, Punk, Elektronik, Folk, Rock, Experiment und zeitgenössischer Musik.
Mit «projets 26/27» möchte sie nach über 1100 Konzerten auf fünf Kontinenten ihre vielen Aktivitäten neu ordnen und gezielter weiterentwickeln. Geplant sind das dritte Album ihres Projekts «Tout Bleu» mit internationalen Tourneen, ein Soloalbum sowie ein neues Post-Punk-Trio. Dafür baut sie den Verein «Phasma» aus, der sich um Administration, Planung und Koordination ihrer Tätigkeiten kümmert – damit sie mehr Zeit für Musik, Komposition und Proben hat. Heute möchte Simone Aubert dem kreativen Prozess mehr Raum und Bedeutung geben, sowohl für sich selbst als auch für die Musiker*innen in ihrem Umfeld, als der Vervielfachung von Konzerten, um mehr Forschungsresidenzen und Zeit für das Komponieren zu ermöglichen, unter fairen Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten.
Die Jury betonte die Vielseitigkeit ihrer Karriere, ihre ganz eigene Klangsprache und die enorme Dichte an Konzerten und Schaffen, die nun in einer konsolidierten Struktur weiterentwickelt werden soll.
CAMILLA SPARKSSS | Explore Sound Frequencies for Healing

Camilla Sparksss ist das Alias der schweizerisch-kanadischen Musikerin Barbara Lehnhoff, Mitbegründerin der Indie-Band Peter Kernel und des Labels On The Camper Records. Als Live-Künstlerin ist sie bekannt für energiegeladene Performances zwischen Experiment, Elektronik, Dark Wave und Punk.
Im Projekt «Explore sound frequencies for healing» kehrt sie ihre bisherige Bühnenenergie um: Statt maximale Lautstärke und Adrenalin stehen Frequenzen, Schwingungen und Klangräume im Zentrum, die beruhigen, entschleunigen und eine Art meditative Intensität erzeugen sollen. Sie untersucht, wie sich ihr radikaler Sound in eine Praxis verwandeln lässt, die auf körperliche und psychische Wirkung zielt – eine Art Labor für heilende, aber keineswegs zahme elektronische Musik.
Die Jury sprach von einem «Punk-Spin-off», das auf hohem künstlerischem Niveau und mit grossem Leistungsausweis stattfindet, und würdigte die internationale Karriere, für die nun bewusster Raum für Input, Forschung und Neuausrichtung geschaffen werden soll.
KNOBIL | Knobil Large Ensemble

KNOBIL (Louise Knobil) ist Kontrabassistin, Sängerin und Komponistin und verbindet Jazz, Punk, französischen Chanson und eine sehr persönliche, humorvolle Erzählhaltung zu einer eigenen musikalischen Welt.
Mit dem «KNOBIL large ensemble» baut sie ihr bisheriges Trio zu einem Sextett mit Bläsern, Gitarre, Rhythmusgruppe und einer bewusst mehrheitlich FLINTA*-Besetzung aus. Im neuen Repertoire geht es um freie Liebe, patriarchale Gewalt, ADHS, psychische Gesundheit oder «Pick-me» – also Themen, die man sonst eher in Essays oder Kommentarspalten vermutet, hier aber als dicht orchestriertes Jazz-Punk-Chanson mit viel Bühnenenergie verhandelt werden. «Get Going!» ermöglicht ihr, die Kompositionen und Arrangements in einer intensiven Solo-Residenz zu erarbeiten, Proben zu finanzieren und das Grossensemble als spielfertiges Projekt für Bühnen in der Schweiz und im Ausland zu etablieren.
Die Jury bezeichnete sie als «mega talentierte junge Musikerin» mit steilem Karriereaufwärtstrend und würdigte den Mut, ein anspruchsvolles Grossprojekt zu realisieren, das Tempo und Rastlosigkeit in künstlerische Verdichtung überführt.
LUM | Développement du projet LUM

LUM ist eine 23-jährige Pop-, Rap- und Reggaeton-Künstlerin mit Schweizer, französischen und spanischen Wurzeln. Sie pendelt zwischen Lausanne und Zürich und schreibt Songs auf Französisch und Spanisch, in denen sich Rap und Gesang mischen.
Mit «Développement du projet LUM» will sie die aktuelle Dynamik – ein viraler Freestyle in sieben Sprachen mit fast drei Millionen Views und zahlreiche Konzerte – in ein langfristiges Projekt überführen. Diese Entwicklung umfasst die Vergrösserung ihres Heimstudios, die Verbesserung ihrer Produktionsmittel und die Zusammenarbeit mit externen Produzent*innen, um sich eine grosse künstlerische Freiheit zu bewahren. Gleichzeitig möchte LUM ihr visuelles Universum und ihre Bühnenpräsenz verfeinern, damit Musik, Bilder, Texte und Energie dieselbe Geschichte erzählen. Ihre politische Botschaft, insbesondere ihre Positionierung als Gegengewicht zu einer noch immer weitgehend von Männern dominierten Rap-Szene, nimmt einen zentralen Platz in ihrem künstlerischen Schaffen ein. Schliesslich plant LUM für 2026-2027 die Umsetzung eines Grossprojekts (EP, Album, …) mit dem Ziel, ihr musikalisches Universum parallel zur Bühne weiterzuentwickeln und ihr gesamtes künstlerisches Projekt in einer starken und ausgereiften Vision zu vereinen.
Die Jury hob ihre starke Persönlichkeit, ihre politischen Inhalte und ihre Rolle als mehrsprachige Künstlerin hervor. Sie bringt verschiedene Sprachregionen der Schweiz zusammen und setzt in der männerdominierten Rapszene einen wichtigen Kontrapunkt.
ANUK SCHMELCHER | Recherchephase für neue Musik

Anuk Schmelcher ist Musikerin, Produzentin und Klangkünstlerin aus der Schweiz, die ihre Musik selbst schreibt, einspielt und produziert und dabei konsequent eine eigenständige Produzentinnen-Praxis mit klarem Fokus auf den Studio- und Produktionsprozess verfolgt.
Mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums «Something Else» (Self-Release, 2025) richtet sie den Blick nach vorne. Der «Get Going!»-Beitrag unterstützt eine Phase der künstlerischen Weiterentwicklung, in der der Fokus klar auf dem Produzieren und Schreiben neuer Musik liegt. Anuk Schmelcher vertieft ihre Arbeit mit klassischen Instrumenten wie Drums, Synthesizer, Gitarre und Bass und entwickelt neue Ansätze im Recording und Sound Design, um ihr Klangbild weiter zu schärfen. Gleichzeitig eröffnet der Beitrag den nötigen Freiraum, unterschiedliche Formate auszuprobieren und herauszufinden, wie ihr Projekt künftig seinen Weg zum Publikum findet – ohne unmittelbaren Erwartungs- oder Verwertungsdruck.
Die Jury lobte die berührende Musik und würdigte die hohe Qualität der Produktion, die klare künstlerische Haltung und den konsequenten Fokus auf die Arbeit im Studio. Sie betonte, wie wichtig es ist, Produzentinnen Sichtbarkeit, Zeit und finanzielle Mittel zu geben, um ihre Praxis nachhaltig weiterzuentwickeln und eigenständige künstlerische Positionen zu stärken.
MARC MÉAN | L’orgue comme voyage de découverte

Marc Méan ist ein in Vevey geborener, in Zürich lebender Jazzpianist und Komponist, der mit seinem Trio Fields ebenso arbeitet wie in hybriden Soloformaten, in denen Klavier oder Orgel mit Elektronik, Loops und Echtzeitbearbeitung verschmelzen.
In «L’orgue comme voyage de découverte» widmet er sich der Orgel als Instrument zwischen Tradition und Experiment. Ausgehend von den Improvisationen seines Albums «Rituals», das in einer Kirche in Lausanne entstand, setzt er seine Arbeit nun an den Orgeln des Friedhofs Sihlfeld in Zürich fort, wo die Instrumente eng mit den Themen Leben, Tod und Erinnerung verbunden sind. Dort entwickelt er ein Live-Set, in dem Orgelklänge mit granularer Synthese, Loops und elektronischer Bearbeitung verflochten werden – ohne in klassische oder rein religiöse Musik abzurutschen. «Get Going!» ermöglicht ihm, diese verstreuten Experimente zu bündeln, eine performative Form zu entwickeln und die Grundlage für ein neues Soloalbum zu schaffen.
Die Jury bezeichnete das Vorhaben als spannendes Projekt mit starker Musik, das bestehende Arbeiten vertieft und einen Jazzpianisten auf ungewohnten, experimentellen Wegen zeigt.
